Vorschau: „Du warst ein Jude… du musstest sterben.“

Ich komme in unseren Kunstraum. Alle sitzen schon ganz gespant da und warten auf unsere Zeitzeugin, die gleich die Tür reinkommt. Henriette beginnt zu sprechen und die Laustärke im Raum vermindert sich um das zehnfache. Die 8E und wir die 9L1 hören gespannt zu. Sie fängt mit ganz einfachen Fragen, die sie in die Runde richtet an: Was ist Hass? Was ist Ausgrenzung? Was ist Verurteilung? Wo gibt es heute Hass, Ausgrenzung, Verurteilungen? „Und diese 3 Worte habe ich gespürt.“ Spätestens ab diesen Moment bin ich berührt von ihrer Lebensgeschichte, bevor sie angefangen hat zu erzählen…

Henriettes Familie kommt aus Lemberg, einer Stadt in Polen. Schon bevor Polen deutsch besetzt wurde, ließen sich antisemitische Züge erkennen. Henriettes Vatter konnte wegen seines jüdischen Glaubens nicht an der örtlichen Universität studieren, wurde aber trotzdem Bezirksarzt in Twaniska. Bis dahin hatte sie noch eine glückliche Kindheit, Felder und einen Hund zum Spielen, ein Kindermädchen, dass für Henriette eher eine große Schwester war und, das wichtigste, Eltern, die sie liebten. Eine ganz gewöhnliche Kindheit. Doch an „einem Tag, hörte ich das Wort Krieg, da war ich fünf Jahre alt.“ Ihr Vater sah die Lastwagen mit den vielen getöteten, polnischen Soldaten; die Deutschen würden in vier Wochen in ihrer Stadt sein. Sie beschließen von Twaniska nach Lamberg zu fliehen. „Ich erinnere mich nur an brennende Städte und große Verwirrung.“ Die einen flohen nach Westen, weg von den Russen und die anderen flohen nach Osten, weg von den Deutschen. Als Arzt bekommt der Vater eine Stelle in einem anderen Ort, wo er in einem Klinikum für Tbc-Kranke Kinder zuständig ist.

 Dort muss die Familie allerdings bleiben, denn die deutschen Truppen sind bereits angerückt. Henriette beschreibt die deutschen Soldaten als groß, blond mit schönen Uniformen. Die Zeitzeugin fragte sich damals, warum so sympathische Männer so böse sein können. Die Nazis schränken das Leben der Juden massiv ein. Der Vatter darf nur noch jüdische Patienten betreuen und bald musste jeder Jude über 9 Jahren ein weißes Band tragen. Auch wird die Familie in ein Ghetto umgesiedelt, so wie viele andere auch. Doch bis jetzt war Henriette noch nicht klar, dass sie in Gefahr war. Zum Glück finden sie nach einer „Säuberungsaktion“ der Nazis eine Familie, die sie aufnimmt. Doch es kommt, wie es kommen musste, sie werden verraten und ins Gefängnis gesteckt, sozusagen als geplante Vorbereitung auf das KZ. Sie hungerte tagelang, denn sie wollte lieber aus Hunger sterben, als erschossen zu werden. Unter einigen männlichen Juden, „schoss ich aus der Gefängniszelle wie ein Pfeil“. Sie war wieder frei. Frei im abgezäunten Ghetto. „Wenn wir Kinder aufstanden, dachten wir eins: Essen“ Der Hunger, das Gefühl Tag für Tag auf der Suche nach etwas Essbaren zu sein, dass vielleicht ein Jude zurückgelassenen hatte, war das schlimmste für sie. Doch es gab Menschen, die sich für sie einsetzten. „Für mich sind das Helden. Denn sie haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um uns (den Juden) zu helfen.“ Ein weiteres Versteck muss her. Henriettes Familie verbringt den ganzen Winter in einen dunklen Kohlekeller, ein viertel Jahr, komplett ohne frische Luft oder Tageslicht. Erst im Frühjahr konnte sie auf den Dachboden wohnen, „das war für mich, wie der Eingang ins Paradies“. Die Hoffnung auf ein normales Leben wurde immer größer, als sie die Deutschen sich langsam zurückzogen. Aber sie wurden wieder verraten. Diesmal stellte sich der Vater. Er sagte den Soldaten, sie sollten ihn jetzt erschießen, denn er wollte nicht ins KZ. Nun sollte Henriette rennen, so schnell es nur geht. Es war entsetzlich „Dieses Gefühl, wenn du nicht läufst, stirbst du.“ „Jetzt war ich ganz allein und wusste nicht was ich tun sollte.“

Sie beschloss in ein Waisenhaus ihrer Heimatstadt zu gehen. Die Nonnen kümmerten sich um sie und einen Monat später wurde Polen von russischen Soldaten befreit. Sie wurden vertrieben und über Umwegen kommt Henriette zu ihrem Onkel nach Antwerpen, ihr einziges überlebendes Familienmitglied.

Meiner Meinung nach sind solche Gespräche enorm wichtig. Denn es ist die beste Möglichkeit uns die Geschichte so hautnah wie möglich zu erklären. Der Nationalsozialismus war das schlimmste System, dass in Europa je geherrscht hatte, einer der größten Genozide weltweit. Doch Hass gegen andersdenkende Gruppierungen gibt es immer noch und wird es immer geben. Es ist nur eine Frage, wen man als nächstes beschuldigt. Ohne die Juden hätte man oft ein Problem der Schuldfrage scherzt Henriette, Einer muss ja immer einer schuldig sein…

 

Teilzeitnerd