Aus dem frz. = Blättchen, sprich: [fœjə'tõ:]

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Die Seiten der Welt

 
„Sich zu mögen heißt zu entdecken, dass man dieselbe Sprache spricht. Sich zu lieben bedeutet, in derselben Sprache zu dichten. Ich weiß nicht, ob wir schon miteinander dichten, Furia, aber zumindest schreiben wir ein Buch zusammen.“

 

Kai Meyer hat bereits viele, viele Male bewiesen, dass er zurecht als einer der wichtigsten deutschen Phantastik-Autoren gepriesen wird. Ich persönlich kann dazu nur sagen, dass er wirklich seit langer Zeit einer meiner absoluten Lieblingsautoren ist und ich kann wohl mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass das auch noch lange so bleiben wird. Die Seiten der Welt, der erste Teil seiner neuen Trilogie, hat das eindeutig bewiesen. Die Protagonistin Furia Salamandra Faerfax und ihr Bruder Pip sind die letzten Nachfahren einer langen Reihe von Bibliomanten, Menschen, die durch die Magie des geschriebenen Wortes in der Lage sind, kleine Wunder zu vollbringen. Allerdings kann Furia ihr Potenzial noch nicht austesten – ihr fehlt das Seelenbuch, der größte Schatz eines jeden Bibliomanten. Doch die Suche nach ihrem Partner muss warten, denn eine mächtige Bibliomantin, die sich „Die Umgarnte“ nennt, scheint es auf die Familie Faerfax abgesehen zu haben. Sie ist auf der Suche nach Siebensterns Buch und schreckt dafür nicht vor Mord, Plünderung und Entführungen zurück. Doch welches Buch sucht sie? Laut der Umgarnten weiß nur Furia, wo das gesuchte Buch zu finden ist, doch die hat keine Ahnung. Auf der Suche nach Antworten und vor allem Hilfe in ihrer misslichen Lage gelangt Furia nach Libropolis, der Stadt der verschwundenen Buchläden und scheint dort tatsächlich fündig zu werden. Neue Freunde, unbekannte Wesen, andere Welten und nicht zu vergessen der mysteriöse Severin Rosenkreutz, der vor 200 Jahren Kontakt zu Furia aufgenommen hat…

Mir persönlich hat vor allem die Komplexität der Zeitspielerei gefallen. Ursprünglich wirkte es eher wie ein netter Nebeneffekt dieses Buches, doch sobald die Möglichkeit, in der Vergangenheit mitzumischen, kann das natürlich nicht ohne Folgen bleiben. Das Verändern von Vergangenem ist ein schwieriges Theman und schon viele sind dabei an Logikfehlern gescheitert, doch nicht Kai Meyer. Furia und Severin, die gemeinsam ein Buch schreiben, obwohl zwei Jahrhunderte sie voneinander trennen, zeigen mit einigen überraschenden Wendungen, dass es nie gut ist, Getanes ungeschehen zu machen, egal mit welchen Absichten. Doch nicht nur die Handlungen von Furia und Severin sind interessant zu verfolgen. Auch die anderen Charaktere sind nicht flach geschrieben und absolut liebenswert. So zum Beispiel Cat, die sich ihr täglich Brot auf den Dächern von Libropolis durch das „Finden“ von Sachen sicherstellt oder der Gärtner Finnian, der ein ganz anderes Gesicht besitzt, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Und dann natürlich noch Furias keiner Bruder Pip, der sich über die Jahre in seine Angst vor Clowns hineingesteigert hat. Die Seiten der Welt beschreibt eine Schlacht gegen Vorurteile, Unterdrückung und vor allem gegen eines: Die Entschreibung. Die Vernichtung aller Literatur. Ein Must Read für jeden Bücherfanatiker, der Fantasy nicht ablehnend gegenübersteht